Montag, 6. Juni 2016

campus galli


wer hier schon eine Weile mitliest, weiß ja das wir eine starke Affinität zu Freilichtmuseen hegen.
Nicht nur ist man an der frischen Luft und die Kinder haben Platz und Auslauf, sondern kann auch viele Eindrücke und Wissenswertes aus alten Zeiten mitnehmen.
Mittlerweile gehen eigentlich die Kinder nicht mehr mit, oder nur unter grossem Protest, aber hinterher muss man doch zugeben : eigentlich war es ganz interessant...:))

Vom campus galli hatten wir schon öfters gehört. Eine mittelalterliche Klosterstadt soll das werden , nur mit Hilfmitteln und Wissen aus dem Mittelalter erbaut. Da das bei uns relativ nah ist, gab es auch immerwieder einzelne kleine Meldungen hier in der Presse. Und als wir letztens durch Zufall die Dokumentaion im Fernsehen sahen, war klar, da fahren wir hin.


Als wir die erste Station erreichten , dachte ich schon : auwei , Freaks im Wald.
Nicht sehr gesprächig und überaus mürrisch  hämmerten die 2 Herren aud Holz herum...
das kann ja heiter werden, mit solchen Leutchen...


Das ganze Projekt wird aus Fördermitteln von verschiedenen Töpfen finanziert, und mittlerweile so wie man hört, trägt es sich durch die vermehrten Besucherzahlen fast selbst und gibt mehr Freiraum.
Es gibt eine Anzahl festangestellter Mitarbeiter die morgends in die Mittelalterliche Gewandung schlüpfen und den Tag über die Vielzähligen Arbeiten übernehmen, die anstehen. Ganz so wie es im Mittelalter wohl war. Es wird nach alten Überlieferungen gearbeitet, nach Recherchen und eigenem Gutdünken. Aber halt ausschliesslich von Hand.
Einige dort kommen nur am Wochenende um mitzuhelfen, und andere studieren Archäologie und erkunden den Aufbau eines mittelalterlichen Brennofens im Selbstversuch. Leider war ich dann im Verlauf des Rundganges von so manchem so fasziniert, das ich regelmäßiges Knipsen vergaß....
Die Studies waren sehr motiviert und standen in Gewandung knietief im Morast und gruben und fächerten Feuer an, das war eine wahre Freude denen zuzusschauen....

Oben auf dem Bild sieht man 2 Freiwillige , die just an dem Tag dort angefangen haben zu arbeiten. Sie richten die Dachlatten aus, für die Kirche im Bild unten zu sehen. Vater und Tochter wie ich vermute, verbringen dort ihren Urlaub. Und helfen für 2 Wochen unentgeltlich dort aus...Es war 4 Uhr und die beiden hatten schon ordentlich Blasen an den Händen von den Zieheisen, mit denen die Latten begradigt werden, aber sie waren sehr zufrieden...

Stück für Stück geht es hier auf dem ganzen Areal vorwärts, am Tag werden zwischen 6-8 Dachlatten gearbeitet...


Hier ist der Schleifplatz für das Werkzeug zum Kirchenbau. Gottseidank war es an diesem TAg trocken..

Alle Unterstände sind selbstgebaut nach den damaligen Vorgehensweisen. Das ist echt eine Menge arbeit.... Beim Schmied wurde alles neugebaut, denn beim ersten Bau , wie uns erzählt wurde, war man nicht sorgfältig genug, und so ist alles undicht und modrig geworden, und musste im Dezember schon wieder abgerissen werden. Seitdem waren sie am Neubau beschäftigt, das Grundgerüst stand, sie waren beim Dachdecken mit Rinde und Grassoden. Dieses Jahr kann der Schmied jedenfalls nicht schmieden, und alle Werkzeug-Neuanforderungen können nicht erledigt werden, weil vor Spätsommerende sind sie wohl nicht fertig...


Die Seilmacher waren sehr gesprächig und unterhaltsam, überhaupt ( bis auf die 2 Gesellen am Anfang ) waren alle sehr interessiert an einem Austausch , und haben sehr bereitwillig Fragen beantwortet. Es gibt einiges zum Ausprobieren, und man kann jederzeit mithelfen. Eine Frau aus einer Reisegruppe, legte flugs ihr Gepäck ab und half beim Aufbau einer Mauer welche aus mit Lehm,Stroh und Sand gemischten Pampe Weidenzäune bestrichen und festgeklopft wird...



Der Schindelmacher im Wald war auch sehr informativ. Und auch dort konnte man ausprobieren mit welchen Techniken früher gearbeitet wurde.


Von den Dächern war ich sehr beeindruckt. Jede Schindel bekommt ein Loch und einen Holznagel aus Haselnuss . Wenn man dies so betrachtet, und das umliegende Gelände, kann man sehr gut erfassen wie stark der Mensch damals schon in die Natur eingegriffen und sie verändert hat. Wahnsinn...

Textile Werkzeuge gab es in der Zeit der Karolinger wohl noch nicht soviel..
Holznadeln und Webstühle.
Ob zu dieser Zeit schon gefilzt wurde, konnte uns die Weberin nicht beantworten. Mein Hinweis auf Jurten und andere Völker beantwortete sie mit starken regionalen Unterschieden , und man wisse noch nicht ob in dieser Region zu dieser Zeit schon gefilzt wurde...Interessant das alles !




Schade, das ich so schlechte Bilder von dem Gewichtswebstuhl gemacht habe...unten hängen unzählige getöpferte Gewichte dran, die vordere Reihe mit schweren Kugeln , und die Hintere Reihe mit leichteren Ringen. Ein dreiläufiger Webstuhl, der sehr anstrengend aussieht. Jeder Arbeitsgang ist Handarbeit, das umlegen jeder Lage erfordert beide Hände. Pro Tag ensteht weniger als 2cm...


Hinten raus wurde die Zeit doch etwas knapp, und leider leider verbrachten wir mehr Zeit beim Holz als bei den 2 Textilstationen....
Die letzte Sation war die Färbe und Nähstation. Ausser weben und Nadelbinden gab es keine anderen Textilen Handwerke. Und Nadelbinden ist sehr, sehr freakig...
ich habe es mir in Endlosschleife vorführen lassen, aber sorry das dauert wohl mehr als paarmal zuschauen um diese komplizierte Schlaufenobenschlaufenuntenschnellgewickeltzackzackzack Technik zu erlernen....
Da erscheint mir Brettchenweben durchaus schneller, aber diese Technik kam ja auch erst später...

ha ! wie ich gerade lese, ist Brettchenweben beim Fürstengrab von Hochdorf nachgewiesen worden, also wäre das noch eventuell eine weitere Station die man ehrenamtlich betreuen könnte , jemand freiwillig hier ??

Stricken wurde übrigends sehr, sehr spät erfunden..

Insgesamt fand ich es höchst kurzweilig durch das Frühe Mittelalter zu streifen und es war sehr, sehr informativ. Wer sich mit alten Techniken und früheren Lebensweisen gerne beschäftigt ist hier am richtigen Platz.

Kommentare:

  1. Hallo Stelle, ich mag solche "Zeitreisen" sehr. Wir waren an Ostern hier: http://www.guedelon.fr/de/ Das war auch sehr schön. Die Kinder durften beim Steinmetz Steine verzieren.
    Lg Mathilda

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  2. So spannend und da unser Urlaub in den Süden führt, werden wir bestimmt einen Abstecher dorthin machen ! Danke für dieses Posting ,alte Techniken zu sehen bzw. mitzuarbeiten ist "gut für die Seele"

    LG Bettina

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  3. Das klingt ja toll, ich finde Freilichtmuseen auch toll, danke für den ausführlichen Bericht, bin gespannt ob ich dich dann arbeitend da antreffe, wenn kch mir das mal angucken gege, hehe!
    Liebe Grüße
    Katharina

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