Dienstag, 21. Juli 2015

Neulich auf dem Abschlussball

Das Thema kreiste schon Monate im Hause. Beständig und wiederkehrend wie diese seit Wochen andauernde Hitze hier im Süden.

Was ziehe ich an ? Welche Schuhe ? Und welche Farbe ? Brauche ich eine Tasche ? Und muss ich noch zum Friseur , Mama ?
Kind Nr.2 trieb mich langsam und beständig in den Wahnsinn, wie diese vermaledeite Hitze.

Schlussendlich Rang sie sich durch : ein Jumpsuit sollte es werden.
Kein Kaufkleid,  denn für den Ausflug nach Stuttgart  (200 km ) hatte sie kein Geld, und keine Zeit. ( Aber echt Mama, ALLE kaufen ihr Kleid da !!!!!)
Stoff suchte sie aus, Schnitt.Und die brave Mama nähte bei 32 Grad Raumtemperatur im Oberstock.

Und dann noch Schuhe kaufen. ..unter 12 cm geht ja heute gar nichts mehr....Wie willst du da die Treppe hochkommen Kind ?
Das geht schon ! Ich kann das Mama! !

Langes Geschreibsel,  es wurde alles ganz anders.
Der mühevoll genähte Jumpsuit wurde verschmäht.
Dafür blieben die Schuhe wenigstens flach.

Am Abend des Abschlusses  ( und es war sehr warm...sehr, sehr warm )
entschied ich mich für einen sehr reduzierten Look für mich selbst.
Bermuda, Flatterbluse,  fertig.

Und dann kamen wir an.
Und sag euch : Barbies Traumhochzeit war ein Scheiss dagegen.
98% trugen nicht unter 10 cm  Absätze und 6lagig Tüll.Perlen in den Haaren,  Diademe und was weiss ich und Tod und Teufel.
Die Jungs zu 85% im Anzug. Mit Krawatte.
Und es war kein Uniabschluss und auch keiner hatte den Master .
Es war ein popeliger Realschulabschluss. Und die meisten davon gerade mal 16 Jahre alt.
Ich saß fassungslos in den Reihen und musste diese Veranstaltung mehrmals mit Frischluftzufuhr unterbrechen.

Und das schlimmste war, was es mit mir machte.
Noch heute spüre ich die Nachwehen dieses Abends.

Ich fand damals schon, mit Aufkommen von MTV,  diese plakative Optimierung seinerselbst faszinierend und abstoßend zu gleich.
Aber das , an diesem Abend war der durchchoregrafierte Abklatsch einer Heidi Klum Show.
Nun wurde mir auch klar warum Zimmer Nr.2 so beschäftigt war, und seitdem im RaumZeitKontinuum festhängt.
Zu überwältigend und zu morbid waren die Eindrücke dieses Abends.
Alles ausgelegt auf 1 Minute Scheinwerferlicht auf der Bühne,  wenn zur selbstausgesuchten Musik das Zeugnis ohne ein Wort überreicht wird.
Keine persönlichen Worte , kein wirklich begegnender Händedruck.
Ein Lächeln,Klick, Foto, fertig.

Ein paar Mädchen musste man übrigends auf die Bühne hieven,  sie waren nicht im Stande auf ihren Schuhen zu laufen...

Danach blieb ich ratlos und schlechtgelaunt,  bis heute übrigends. ..

Ich habe einiges erlebt in meinem Leben. Immer wieder beschäftigt mich body-shaming, body-acceptance und Optimierungswahn.
Die letzten Jahre eher mehr platonisch,  als mittendrin zu sitzen und damit zu kämpfen und sich freizuschaufeln von all diesen negativen Gedanken und den netten Ratschlägen wie man sich selbst Vorteilhaft darstellt .
Seit dem Abschlussball wackelt das....
Ich war so entsetzt das mein ganzes Gefüge ins Wanken kam.
So viele Jahre habe ich gebraucht um dem allem gedanklich zu entfliehen, und nun ?

Ist das ein Backlash?  Stehen wir immer noch am Anfang ?
Oder ist das schon wieder das Ende ?
Haben die Mädchen /Frauen nichts gelernt ? Gibt es nicht wichtigeres als für eine Minute ein Glanz zu sein ?

Und warum um Himmelswillen bringt mich das nach all den Jahren wo ich es doch besser wissen sollte zum stolpern ?
Ist body-acceptance gar nicht möglich , in einer Gesellschaft die nach Optimierung hechelt? ?? Ein Trugschluss gar, ein Luftschloss?
Oder war dieser Abend ein Einzelfall  ?

Ich bleibe ratlos, und kann einige Gedanken noch garnicht in Worte fassen.

Ich geh dann mal weiterdenken. ....

Kommentare:

  1. Hm. Ich schreibe mal hin, was mir durch den Kopf geht: ich glaube es gibt tatsächlich eine Tendenz, solche persönlichen Ereignisse zunehmend nach medialen Vorbildern zu gestalten. Das sieht man bei viele Hochzeitsfeiern, wo ein unglaublicher Aufwand ohne jeden persönlichen Bezug betrieben wird. Bei Schulabschlussfeiern wird der Aufwand wohl jedes Jahr höher, soweit ich das mitkriege. Hier gibt es sogar Agenturen, die die Ausrichtung solcher Feiern unternehmen.
    Wenn ich mich heute an meinen (mit der Nachbarschule selbstorganisierten) Abi-Ball erinnere, frage ich mich, was uns damals überhaupt geritten hat, so was Spießiges zu veranstalten - aber damals sollte es auch etwas Besonderes sein, ein anderer Rahmen als die Schulaula. Und unser Ball war im Vergleich sicher bei weitem weniger durchchoreographiert als das, was die Schüler jetzt machen, und Fernsehshows waren nicht das Vorbild. Fernsehshows waren ja auch noch nicht so perfekt. Der Aufwand, die Perfektion, der Grad der Inszenierung im Fernsehen haben sich erhöht - und dem wird nachgeeifert.
    Ich kann den Wunsch nach etwas ganz Besonderen beim Abiball, den superhohen Absätzen, der großen Robe zu einem Teil mit Nachsicht betrachten, weil ich mich erinnere, wie das bei uns war. Andererseits tun mir die Schüler auch leid, dass sie in so eine Welt der Perfektion und des Zwangs zur Konformität hineingeworfen werden. Unter was für einem Druck die heute stehen, wenn die gescriptete Fernsehshow mit Heidi Klum als Maßstab für das eigene Leben eingesetzt wird, wenn nur das optimierte Außen zählt, und das noch begeleitet von einer seit 20 Jahren andauernden Absenkung sozialer Standards in der Gesellschaft, sinkender Löhne, und der sehr realen Aussicht, dass der Wohlstand der Elterngeneration nicht mehr erreicht werden wird. Von den großen Weltproblemen mal ganz abgesehen. So eine Inszenierung ist ja auch eine Flucht vor der Wirklichkeit.

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    1. Und weiter gedacht: Der Optimierungswahn (Körper, Fitness, "sauberes" Essen) bezieht sich auf das Selbst, also auf den Teil der Welt, von dem angenommen wird, jeder könne es nach Belieben formen und beeinflussen. (Nicht gesund, nicht schlank---> selber schuld, du lebst falsch). Das ist ja auch ein Rückzug von der "großen" Welt voller Probleme, bei denen der Einzelne überhaupt nichts ausrichten kann. Der Hilflosigkeit begegnen, indem man sich auf das konzentriert, was man meint, planen und lenken zu können. Vielleicht braucht das der Mensch, um sich nicht völlig hilflos und verloren zu fühlen in dieser Welt.

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  2. Ganz spontan denke ich, dass es wohl keine kleinere Aufgabe ist, als unse komplettes Gesellschafts- Und Wirtschaftssystem zu verändern und zwischen den kleinen Erfolgserlebnissen, sind wir Exoten, die zu Vorbildern werden können.

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  3. Ganz toller post! Ich kann jeden einzelnen Deiner Gedanken nachvollziehen und teilen!
    Mit dem Satz "Ein Lächeln, klick, Foto, fertig " hast Du, glaub ich, die Quintessenz dessen, was viele Menschen derzeit als Realität oder erstrebenswert ansehen beschrieben.
    Ich kann diesen Selbstoptimierungswahn auch ganz schlecht aushalten . Hast Du mal gefragt, wie Deine Tochter die ganze " Veranstaltung" fand?
    Es wäre so schön, wenn ein Realschulabschluss wirklich wieder als Ausbildungsgrundlage gewürdigt würde, denn es braucht wirklich nicht jede/r Abitur. Aber wenn die Feier dazu zu einer " Wir sind für 1 Minute die Promis" Veranstaltung verkommt - sehr schade.
    Und vielleicht kann man Body acceptance tatsächlich erst ab 30+ ?!? Wir haben uns als sehr junge Frauen sicher auch an irgendwelchen Promis orientiert, aber es war alles lässiger, es musste nicht 1 zu 1 kopiert werden. Und natürlich wurde nicht alles per Foto festgehalten und verbreitet ( GottseiDank ;) )
    LG Dodo

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  4. Wenn ich denke, wie das 1977 bei uns war ... Einen Abi-Ball hatten wir gar nicht, ich kann mich noch nicht mal an eine offizielle Urkundenübergabe erinnern (die es vielleicht gab, aber beeindruckend war sie sicher nicht). Dafür gab es von der Schule aus einen kleinen Stehempfang als Abschiedsfeier. Das war's. Für den Abend hatte die Klasse selbst das Nebenzimmer einer Kneipe gebucht, ohne feierliches Essen oder Gedöns. Ich erinnere mich sogar, einen Marmorkuchen gebacken zu haben - dessen Reste später mehr nach Aschenbecher als nach Kuchen schmeckten.

    Kann es vielleicht sein, dass die prächtigen Schulabschlusszeremonien von heute eigentlich ein Import aus den USA sind? So wie Muttertag, Halloween und Santa-Claus-Deko? An all dem sind natürlich die Medien und die Werbewirtschaft nicht unschuldig. Genau wie an der schrecklichen Überfokussierung auf die vermeintliche Idealschönheit.

    Aber Germany's Next Topmodel & Co. reichen nicht als Erklärung, obwohl natürlich die Konditionierung durch Medienkonsum sehr machtvoll ist. Diese Illusionswelten wirken, weil sie auf fruchtbaren Boden treffen. Seit über 30 Jahren wird uns erzählt, dass wir alles erreichen können, wenn wir nur intensiv genug wollen, wenn wir fleißig sind, an jeder Wegbiegung die richtige Entscheidung treffen, beständig dazu lernen, umlernen, uns perfektionieren und optimieren. Was aber keiner dazu sagt, ist, dass wir Teil einer gigantischen Reise nach Jerusalem sind. Nicht wir sind schuld, wenn wir keinen Stuhl mehr finden, sondern das System, das uns seit Jahrzehnten Stuhl um Stuhl unterm kollektiven Hintern weg zieht. Die größte Ironie ist, dass es nicht so sein müsste. Solange wir aber mit falschen "Wahrheiten" gefüttert werden, glauben wir an die Alternativlosigkeit von Systementscheidungen, die einer kleinen Minderheit nutzen und Vielen schaden, und spielen das Spiel mit anstatt gemeinsam einzufordern, was uns zusteht.

    Die 68-er Studenten wetterten gegen den "Konsumrausch" der Eltern und liefen in gammeligen Jeans und Armeeparkas rum. Gefühlt jede Woche zog eine größere Demo durch die Innenstadt. Wohlstandsbürgerlich aufgewachsen, fand ich das alles ein bisschen übertrieben. Heute als reife Frau fände ich so einen Protest nötiger denn je - und was machen die Kids? Übertreffen einander in wirtschaftskonformem Glamour. Das kleine inszenierte Glück als Flucht vor der Realität, die sie (noch) nicht durchschauen und erst recht nicht glauben, beeinflussen zu können. Die Gehirnwäsche hat gewirkt. Uns ist beigebracht worden, dass wir da draußen nichts bewirken können, dafür umso mehr, uns selbst zu optimieren. Jeder gegen jeden im Hamsterrad ...

    Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Irgendwann kommt der Umschwung. Ich hoffe nur, dass bis dahin nicht zu viel kaputt geht.

    Viele Grüße
    Ursula

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  5. "Und es war kein Uniabschluss und auch keiner hatte den Master .
    Es war ein popeliger Realschulabschluss."


    Über diese Sätze von Dir bin ich gestolpert.

    Ich finde es sehr schade, dass du so abwertend über den erreichten Abschluß deines Kindes schreibst.
    Die ganze Inszenierung kann ich gut verstehen. Wir fühlten uns damals zur feierlichen Übergabe der Abizeugnisse auch wie der Nabel der Welt. Erwachsen, gebildet – wir könnten die Welt verändern. 
    Im Nachhinein war unsere Party im Vergleich zu heute wahrscheinlich eher spießig. Aber die Zeiten ändern sich ja auch und damit auch die Vorstellungen, wie so ein wichtiger Step im Leben gebührend gewürdigt werden muss. Kleidungstechnisch haben wir auch alles gegeben, was damals möglich war.  Wir sollten der heutigen Jugend mehr Vertrauen entgegen bringen. Feminismus oder ein unabhängiger Geist zeigt sich nicht immer in flachen Schuhen, Hosen und braven Blusen.

    Liebe Grüße

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    1. Eine Schulabschluss jedwelcher Art werte ich gar nicht ab.
      Schließlich leben wir in einem Land wo es Schulpflicht gibt, und das kann ich gar nie schlecht finden, denn nur Wissen ermöglicht auch Fragen und Antworten und Erkenntnisse.
      Es geht um das Maß der Verhältnismäßigkeit.
      Und das Feminismus sich in flachen Schuhe und dem Tragen von Hosen zeigt, halte ich für ausgemachten Blödsinn.
      Allerdings sollte man immer in seinen Schuhen gehen können, dann kann man nämlich selbst auch die Richtung bestimmen.

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    2. Das stimmt schon. Schön ist doch aber, wenn diese Erkenntnis auf eigenen Erfahrungen basiert.

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  6. Ich saß vor drei Wochen beim Friseur und neben mir liess sich eine frischgebackene Abiturientin die Haare machen. Wie eine Braut. Ich weiß nicht, wie viele Stunden sie da schon saß mit Färben, Schneiden, Föhnen, stecken. Und ich hab' innerlich nur mit dem Kopf geschüttelt. Und was sie so erzählt hat. Dass der Papa ihr ein I-Phone schenken wollte, das aber auf dem Versandweg gestohlen wurde und er nur eine leere Schachtel bekam und jetzt so enttäuscht sei, dass er ihr an ihrem großen Tag nicht das I-Phone schenken kann.

    Ich saß da und hab' innerlich über ALLES nur mit dem Kopf schütteln können. Müssen wir jetzt künstlich alles so überhöhen. Jedem noch so kleinen Ereignis künstlich Bedeutung aufpropfen. Mein Freund erzählt, dass seine Kollegen tatsächlich Agenturen beauftragen, um den Kindergeburtstag des Nachwuchses organisieren zu lassen. Ein Grund, warum er keine Kinder möchten. Und ich fand früher Topfschlagen und Wettessen ganz großartig und völlig ausreichend...

    Ich kapiere diese Welt und die Generation nach mir auch nicht mehr. Und dabei bin ich mit 34 jetzt noch gar nicht soo weit von ihr entfernt. Irgendwie hat sich Andy Warhols "Everybody is a star" in eine ganz falsche Richtung verselbständigt und man muss heutzutage auch gar nichts mehr können, weil DSDS, GNTM und Co. ja suggerieren, dass einem mit gutem Aussehen allein alla Türen offen stehen. Da braucht man sich nicht wundern, dass alles nur noch auf das Äußere und den Schönen Schein reduziert wird.

    Was ich dabei am erschütterndsten finde ist die Tatsache, dass auch die aufgeklärte, kritische, hinterfragende Erziehung einer Frau wie dir dabei nicht gegen die Gruppendynamik der Altersgenossen ankommt. Das macht mich gerade ziemlich traurig und ich kann nur hoffen, dass mit zunehmendem Alter irgendwann die Erkenntnis kommt...

    Ich fand meinen Abi-Ball und auch die Zeugnisvergabe an der Uni ziemlich unnütz und hatte auf beides so gar keinen Bock.

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  7. Hallo Stella,
    ich war vor kurzem bei einem Abi-Abschlussball im Schwarzwald. Ich war überrascht wie overdressed (in meinen Augen) einige der Mädchen waren, so wenig Stoff hätte ich mir damals nicht getraut. Diademe und Co. gab es dort nicht.

    In der Klasse gab es aber auch einige die sich normal festlich angezogen. Würde sagen, es war sogar die Mehrheit, diese sind aber bei den anderen gestylen Mädchen etwas untergegangen.
    An den Realschulabschluss kann ich mich nicht mehr erinnern - es war "nur" ein Abend in der Aula mit Familie und Zeugnisübergabe.

    Bei dem Abiturabschluss dachte ich es wäre ähnlich und habe mir einfach nur ein normales Kleid angezogen. Dort angekommen sah ich dann, dass wie schick die anderen Mädels (Abendkleider) waren aber da musste ich dann durch und im Endeffekt war mir mein Outfit auch ziemlich egal - stolz war ich auf meine Auszeichnung, das hat für mich gezählt.

    Zurück zu deiner Geschichte: Ich denke schon, dass es eine Tendenz zum Äußerlichen gibt aber dass es auch von Schule zu Schule unterschiedlich ist.

    Lieber Gruß,
    Muriel

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  8. Etwas spät meine Worte, aber: ja, das scheint extrem gewesen zu sein. Hier in der Großstadt gibt es auch eine Tendenz, bei den Abschlussbällen den Look amerikanischer Serien o.ä. nachzuinszenieren. Aber von Diademen und Tüllorgien habe ich noch nichts gehört. Und wer nicht will, macht das nicht mit, ist wohl ok und möglich. Die jungen Frauen, Töchter meiner Freundinnen, scheinen trotzdem ziemlich selbstbewusst. Wenn ich sage: Wir hatten früher gar keinen Abiball, dann schauen sie mich an wie ich damals meine Großmutter angesehen habe, wenn sie wieder "vom Krieg erzählte".
    Also, hoffentlich hast du dich erholt und bist wieder obenauf.

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