Dienstag, 23. Oktober 2012

catherines post

 

 

 

Der Irrsinn heutiger Gleichstellungspolitik

In den vergangenen Wochen war ich auf mehreren Konferenzen, auf denen über die Rente diskutiert wurde. Das ist ja gerade sehr en vogue, über Renten und dabei insbesondere über die absehbar zu niedrigen Renten von Frauen zu reden. Und in der Tat ist es skandalös, wie viele Frauen mit sehr geringen Altersbezügen rechnen müssen, mich eingeschlossen. Obwohl ich immer gearbeitet habe und über den höchstmöglichen akademischen Abschluss verfüge. Grund ist, dass ich "atypisch" gearbeitet habe, also nicht Vollzeit, nicht angestellt, nicht immer sozialversichert, z.B. als Stipendiatin. Unser Sozialversicherungssystem basiert aber auf der Annahme kontinuierlicher Vollzeiterwerbstätigkeit. Frauen erreichen nicht mal annähernd die männlichen Werte, im Westen nicht, weil es dort üblicher ist, dass die Frauen Zuhause bleiben (und weil es keine ausreichende Betreuungsinfrastruktur gibt). Im Osten nicht, weil es zu wenig Arbeit gibt - davon sind auch die Männer in der Rente betroffen. Richtig gute Ansprüche haben also westdeutsche Männer. Die politischen Konzepte von links bis konservativ haben aber - Glück für uns! - eine prima Idee, das Schlamassel aufzulösen. Alle sollen immer Vollzeit arbeiten und privat vorsorgen! Mensch, da hätte frau ja selbst drauf kommen können! Die Aspekte strukturelle Sockelarbeitslosigkeit, fehlende und qualitativ fragwürdige Kinderbetreuung und die durchgängig niedrigeren Einkommen von Frauen aufgrund von Lohnungleichheit, der ungerechten tariflichen Bewertung von Tätigkeiten und der massiven Überpräsenz von Frauen im Niedriglohnbereich (soviel zum Thema private Vorsorge) klammer ich jetzt mal kurz aus und konzentriere mich auf das Thema Vollzeit. Immer. Alle.
What the fuck???!!
Ich habe gestern mal spaßeshalber mit einer Freundin ausgeknobelt, was genau das heißen würde.
Die gegebenen Bedingungen: Ein Kitaplatz für 9 Stunden, 8-17 Uhr (das ist das Maximum, das es hier gibt) und ein Schulplatz für 8 Stunden 8-16 Uhr mit der Möglichkeit, das Kind zusätzlich ins Hort zu geben. Die kleinen Maschinen Kinder sind drei und sechs Jahre alt.
Folgender Tagesablauf wäre möglich:
6:00 Uhr: Alle stehen auf, frühstücken, die Eltern machen gesunde und schmackhafte Brotboxen für Frühstück und Vesper der Kinder außerhaus, ziehen sich an und versprühen ein Minimum menschlichen Miteinanders, das sie durch den Tag tragen wird
7:30 Uhr Das große Kind wird im Hort abgegeben, das Kleine wird zur Kita gebracht
8:00 Uhr Alle Kinder sind abgegeben, Mutter fährt zur Arbeit
8:30 Uhr Arbeitsbeginn
12:30 Uhr-13:30 Uhr: Mittagspause, Essen mit den KollegInnen
13:30 Uhr-17:30Uhr Arbeiten
Ach ne, das klappt nicht mit der Kita. Also nochmal, dann ohne Mittagspause:
8:30 Uhr-16:30 Uhr Arbeiten
17: Uhr: Kleines Kind aus der Kita abholen. Das Kind war 9 Stunden in der Kita, das erste, das gebracht wurde und das letzte, das abgeholt wird.
17:30 Uhr: Kind zwei aus dem Hort der Schule abholen. Das Kind war 10 Stunden in der Schule.
18:00Uhr: Ein gesundes Abendessen und abwechslungsreiche Snacks für die Brotboxen werden eingekauft
18:30 -19:30 Uhr: Kochen und Essen, Waschmaschine vollstopfen, Küche aufräumen, Orgatelefonate führen
19:30 Uhr: Zähneputzen der Kinder, Umziehen, Schlafen legen
20:00Uhr: Aufräumen
20:30 Uhr: Ein gutes Glas Wein mit dem Partner trinken und ein schlaues und anregendes Gespräch führen, damit das Beziehungsleben nicht leidet
22:00 Uhr: Ins Bett fallen und ein interessantes Buch lesen, damit man auch noch was für sich gemacht hat
22:02 Uhr Komatös einschlafen

Diesen Tagesablauf stellen wir uns jetzt an 5 Tagen die Woche vor. Ab dem ersten Lebensjahr des Kindes. 
Was noch nicht geschehen ist:
  • Vorlesen
  • Einfach zuhören und kuscheln
  • Die Geschwister spielen miteinander
  • Gucken, ob es Nachrichtenzettel im Ranzen gibt
  • Den Kuchen fürs Kita/Schulfest backen
  • Die Arzttermine zum Impfen, Zahnkontrolle, die U-Untersuchungen, eigene Vorsorgeuntersuchungen
  • Großeltern nicht gesehen und nicht angerufen
  • Keine Freunde gesehen, weder Kinder noch Erwachsene
  • Kein Ehrenamt ausgeübt
  • Sich nirgendwo engagiert
  • Kein Hobby ausgeübt
  • nicht ausreichend tief Luft geholt und entspannt
  • nicht die Kinder genossen
  • ....
Na, das sind doch Aussichten, oder? Klar, Väter sollen auch mitziehen. Aber ganz ehrlich, wenn die Väter auch 40 Stunden arbeiten, was soll sich denn an dem Plan groß ändern? Und wir haben da weder die üblichen Überstunden noch irreguläre Arbeitszeiten drin. Genau genommen darf sich noch nichtmal der Bus verspäten.
Ich finde, die ganze Debatte ist eine Zumutung! Für Eltern und Kinder. Haben Kinder nicht vielleicht doch einen Anspruch darauf, mal Zuhause zu sein? Individuelle Ansprache zu haben? Ihre Eltern und Geschwister zu sehen?
Ich bin tatsächlich für Kitas und dafür, dass Frauen nicht zuhause bleiben müssen, sehr sogar. Ich bin auch kein Fan des Betreuungsgeldes, weil es zu niedrig ist und im jetzigen System problematisch, aber ich würde es niemals "Herdprämie" oder "Zuhausebleibprämie" oder so nennen, das finde ich diskriminierend und verletzend.
Gleichzeitig möchte ich nicht, dass alle sozialen Beziehungen neuerdings "Carearbeit" sind - damit werden soziale Bindungen und Beziehungen zu Dingen, zu Waren, käuflich, austauschbar und marktförmig. Ich glaube tatsächlich, dass die Politikerinnen, die diesen Vollzeitfetisch propagieren, nicht die leiseste Ahnung haben, wie ein Leben mit Kinder ist. Entweder, sie haben keine Kinder oder sie haben Geld und Rundumhilfe. Ich habe keine Lust mehr, mir von solchen Frauen erzählen zu lassen, wie ich mich richtiger ans falsche System anpassen soll. Ich will Emanzipation und zwar endlich auch mal unter der Berücksichtigung eines Begriffs von Freiheit und nicht hemmungslose Anpassung. Ich will mich nicht den unrealistischen Sozialversicherungssystemen angleichen, die mich und mein Leben nicht wertschätzen - ich will eine Veränderung dieser Systeme. Ich will nicht leben und arbeiten in einem System, in dem Kinder, Freunde, Muße nur wegzuorganisierende Scheiße sind die uns daran hindert, uns in der Lohnarbeit zu entfalten. Nein nein und nochmals nein. Lasst uns das Thema anders diskutieren, nicht nur scheinbaren Zwängen folgend (kein System ist in Stein gemeißelt, Institutionen und Normen sind historisch und wandelbar) sondern fragend, was wir wollen: Emanzipation oder Gleichstellung
gestern bei catherine gab es diesen text. er wühlt mich sehr auf. 
auch die reaktionen sind sehr lesenswert.
hier auf ihrem blog der sehr sehenswert und politisch korrekt ist.

Kommentare:

  1. ...ganz ehrlich, da steigt mir das Blut in den Kopf. Auch ich gehöre zu den dämlichen, die genau so gearbeitet haben. Was hab ich davon....eine Rente von 300 Euro irgendwas....toll! Was das gute daran ist, drei tolle Kinder, ein funktionierendes Eheleben, Hobbys, Ehrenamt etc.
    Ich geh jetzt mal auf dem Blog lesen. Danke fürs weitertragen.
    Liebe Grüße
    Beate

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  2. ... oh mann - das tut gut. manchmal denkt man ja man ist nur noch von weltfremden umgeben. ich bin "nur" realschulabschliesser, haber eine lehre gemacht und von da aus gearbeitet. viel gearbeitet - zuviel oft. mir war klar - wenn kinder, dann gar keine arbeit - zeit ist luxus und diesen luxus können wir uns mit einem gehalt gerade so leisten. es bedeutet auch verzicht und der fällt unserer gesellschaft verdammt schwer.
    ich möchte nicht unter zeitdruck arbeiten (muss gleich los kinder einsammeln, schnell essen machen, schnell aufräumen, schnell die kinder fürs bett .........)diese zeitdruck macht uns alle krank - und noch kränker alle die, die eben keine rundum betreuung, grosseltern nebenan, pünktlichen arbeitsschluss, gesunde kinder usw haben. ich habe ein leben und das möchte ich nicht im hamsterrad verbringen. herdprämie finde ich das unwort überhaupt - da könnte ich wirklich ausrasten - es ist total demütigend und entwürdigend - aber scheinbar sollen heute lieber fremde die kinder erziehen als die eigene mutter. vielen dank liebe politiker. und dank dir für diesen wirklich guten post

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