Dienstag, 17. Januar 2012

nähfragezeichen 23


Vintage-Kleidung 
Warum nähen politisch sehr bewußte und kritisch denkende Frauen Vintagekleidung aus den 40ern bis 60ern. Warum wird die Mode aus der Zeit, in der Frauen eher unterdrückt wurden, zum Vorbild? Kann die Mode getrennt von der gesellschaftlichen Situation gesehen werden, in der sie entwickelt und getragen wurde? Was macht sie so anziehend?
 
 
 
 ich stehe ja erst am anfang meiner vintage kleidung. doch je mehr ich über diese fragen der letzten zeit nachdenke, ergibt sich ein stimmiges bild meiner entwicklung.

ich habe mehr oder weniger immer versucht elemente dieser , meiner bevorzugten ära einzubauen.
nur war mir das nie so recht bewußt. erst durch meikes  löcherindenbauchfragen wird mir das bewußt.

die suche nach dem tunika schnitt, die endlosen versuche eine bestickte borte am halsauschnitt zu finden.die gürtelfragen.die ärmelfragen.......
endlos könnte ich diese liste forttragen.

ich denke DIY ist eine wertefrage. durch DIY stellt sich die person die dieses ausführt ganz klar gegen die regeln der vorherrschenden globalisierung und gegen die konsumhaltung der welt.
dinge die von eigener hand gearbeitet wurden bekommen im lauf des prozesses eine andere wertigkeit.

der blick auf die dinge dieser welt verändert sich, mit jedem stück das man sich erarbeitet.
schämt man sich anfangs noch für seine handgearbeiteten dinge, so erfährt in der fortführung derselben das ego in der herstellung von DIY einen bewußten prozeß der zufriedenheit und der
" konsumstille ".
ergo ist für mich die konsumruhe daraus ein resultierender zustand.
ich möchte nicht länger kaufkleidung tragen die in einer globalisierten welt völlig austauschbar
ist. DIY fördert also selbstbestimmung und individualität.

denkt man diesen strang weiter ergibt sich die weitere sehnsucht nach vintage kleidung.
wenn man ein kleid aus einer vergangenen ära näht hat das für mich  primär nichts mit der politischen
ära zu tun, oder mit der gesellschaftlichen stellung der frau dieser zeit, sondern eher mit der
wertigkeit der materialien die damals vorherrschte. es gab nicht unzählige kleider zu einer person.

ausser natürlich frau rothschild oder wie sie alle hiessen ( rothschildt ?? )
die masse der menschen hatte ein bestimmtes kontingend an kleidung. und dies war perfekt verarbeitet. da gab es keine heimische t-shirt massenproduktion sondern wohlüberlegte kleiderauswahl. die oft monatelang am heimischen herd stich für stich ausgeführt wurde.
das endergebniss begleitete den träger über viele jahre seines lebens.ob in seiner urform oder abgeändert. es hatte bestand.

für mich ist vintage kleidung der olymp gegen den konsum und für den bestand der eigenen
HAND arbeit. den durch die auswahl eines "alten schnittes " bekennt sich der handarbeiter voll und ganz zu seiner kunst und gegen ein leben im dauerkonsum und der modetrends.

denke ich an mein bisher vergangenes leben war ich schon immer verhaftet im "alten ".
alte dinge habe ich schon immer gekauft, gerne auch bei arbeitsloseninitativen oder auf flohmärkten.
"alte " handarbeittechniken haben mich schon immer beschäftigt. die verquickung von material das gegeben ist, der ausschöpfung der jahreszeiten in der küche ( vorratshaltung ), und dem wertehalten den dingen gegenüber hat mich immer begleitet.
 
natürlich unterliege ich auch dem konsum. schließlich ist eine globalisierte welt auch vorallem eine welt der manipulation. aber immer wieder finde ich zurück in die welt der " alten " dinge. sie haben für mich bestand. so viele kulturtechniken gibt es da noch zu sehen und zu lernen das reicht ein ganzes leben nicht....

ich komme also zum fazit :))

vintage ist ein entgegensteuern. ein suchen und werden in einer unübersichtlichen zeit,
die mit aller macht nur auf eines zusteuert : auf mehr geld.

so werde ich weiter die kleinhäusige revolution vollenden,  zwetschgenkompott selber machen und den dingen bestand geben die sonst länger keiner haben will. 
und natürlich an meiner vintage bluse weitertüfteln.
 
auf diesem wege möchte ich auch meike danken. ihre fragen schwirren in meinem kopf und meiner seele und machen vieles klarer ! danke dafür.
 
alle anderen antworten findet ihr hier .
 
 

Kommentare:

  1. Für mich ist Kleidernähen genauso Teil der Konsumgesellschaft. Man kauft meterweise Stoffe und möglichst billig so er sein, kauft haufenweise Schnittmuster, kauft kistenweise Schnickschnack zur Verzierung, näht viel zu viele Kleider, die dann im Schrank rumhängen. Nach deiner Theorie müsste man im Grunde Kleider aus der Vornähmaschinenzeit nähen, das wäre dann wirkliche Wertarbeit. Die 40-60er Jahre habe doch auch bei der Kaufmode einzugehalten. Das man das jetzt näht, ist für mich einfach eine Modeströmung, die kommt und geht, so wie alles. Vermutlich wird es auch bei der DIY-Welle so sein, irgendwann verebbt das wieder.
    Ich nähe ja schon seit Jahrzehnten, ich nähe aus Spass und weil ich meine eigenen Vorstellungen habe, wie meine Kleider aussehen sollten. Ich bin kein besserer Mensch dadurch und einen theoretischen Überbau brauche ich auch nicht.
    Herzliche Grüsse von Allerleirauh, heute mal sehr kritisch

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  2. da geb ich dir ausgesprochen recht frau kritik.
    das aber soll für mich ja eben nicht der sinn sein. konsum sollte sich meiner ansicht nach nicht verlagern.sonst ist ja mein theoretischer überbau völlig ad absurdum. ich möchte meine selbstgenähte kleidung viele jahre tragen.
    und eben nicht mit irgendwelchen strömungen mitschwimmen.

    und ein bißchen fragen und antworten kann nicht schaden.
    das ist eben das mit dem tellerrand....

    herzliche grüße
    stella

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  3. Ich trage meine Kleider jahrelang. Der Rock, den ich heute an habe ist sicher schon 10 Jahre alt, aus Wildseide und schon zickmal in der Waschmaschine gewaschen.
    Aber was ich eigentlich sagen will, auch bei Nähen ist man Teil der Konsumgesellschaft und damit auch unbewusst, diesen Modeströmungen unterworfen, es geht gar nicht anders.

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  4. so weit das ich kleidung 10 jahre lang getragen habe, bin ich noch garnicht. jahrelang hab ich aufgrund meiner persönlichen verhätnisse nicht mehr nähen können. die kinder hab ich benäht aufgrund geldmangels. ich war froh über jedes stückchen stoff das ich geschenkt bekommen habe. und diese kleidungstücke leben tatsächlich noch. zum teil sind sie über 10 jahre alt und zieren die 3 generation kleinkinder. darum geht es mir. und ja. allein durchs bloggen ist man wie jeder andre lemming. da geb ich dir völlig recht. man kann sich nur bis zu einem gewissen grad entziehen. denn trotzallem wir dagegen schwimmen. in eine richtung muß es schließlich gehen. aber gottseidank bestimmen wir die immer noch selbst.
    und für mich ist bloggen auch immer eine kritische auseinandersetztung mit mir selbst.und ein festlegen von wertigkeiten meiner person , meines individuums.

    liebe grüße
    stella

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  5. ich misch mich mal ganz frech ein ;)

    Natürlich hat Frau Allerleirauh recht, dass Nähen mit Konsum einhergeht und man mithin auch über seine Stoffwahl sehr viel mehr nachdenke sollte, wenn man sich schon (wie ich ja im übrigen auch) Konsumkritik auf die Näh-Fahnen schreibt.
    Aber ... Konsum und Handel sind Teil unserer Gesellschaft und des zwischenmenschlichen Zusammenlebens. Niemand kann ALLES für sich allein herstellen. Was ich aber, wie Frau Stellamarie, sehr unterstütze ist und am Vintage-Nähen schön finde, ist dass man nicht (oder weniger oder mehr bewusst oder wie auch immer man das umschreiben mag) einen globalen Wasserkopf unterstütz, sondern den Konsum ins Lokale zurückholt und eben auch selber wieder Sachen herstellt, also den Wert für die eigene Arbeit und die anderer entdeckt. Seinen eigenen Wert wieder entdeckt. Soweit mein Senf dazu ;)
    Schöner Artikel! Liebe Grüße, Zuzsa

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