Mittwoch, 17. Februar 2010

trostgeschichte

 


es war ein mal eine frau, eine oberschwäbin, die hatte einen stoff und kurzwarenladen.
oberschwäbin ist in diesem zusammenhang wichtig, weil er wirft niemals nichts weg.
" es ist nix so nixig, als das et net zu was guat wär ! "
ein kleiner laden auf der alb.
dort wo es sonst nichts gibt.
ausser bauern, die tag ein tag aus ihrem tagewerk nachgehen. 
das klima ist frostig, es ist einfach immer kühl, selbst im sommer brauch man " a jäckle "....

diese frau die  vor 3 jahren verstorben ist, und seitdem niemand ihren laden betreten hat,
hat sich im lauf der jahre auf alles was die textilindustrie hergestellt hat spezialisiert.
stoffe, wolle,kurzwaren,knöpfe, bettwäsche, strumpfwaren, unterziehrollis aus dralon, dem  inbegriff der fortschrittlichkeit anno 1969....

nachthemden, krawatten, oberhemden,unterhemden,unterwäsche....
kurzgesagt alles was man halt so braucht im dorf und was der metzger oder bäcker nicht hat.....
sie hatte keine kinder, keinen mann.

nur ihren laden.
der sich ausdehnte.
auf die küche.
auf das wohnzimmer.
auf das schlafzimmer.

all überall im gesamten haus.
textilien in aller art.
in aller form.

die letzten 20 jahre, kam kaum mehr jemand zu ihr.
die guten deutschen textilmarken es gab sie zwar noch...
bei ihr im laden.
aber die leute fuhren weiter, weiter zu den neuen bunten läden die import ware aus fernen, billigen
ländern anboten.

nur noch wenige kunden hatte sie.
alte weiblein die einen reißverschluß kauften.
selten gewordene strickerinnen.
und vielleicht manch eine die noch einen knopf suchte.

sie meldeten sich telefonisch, 
und die frau suchte die sachen heraus,
aus ihren zimmern,
ihren schränken
aus ihren alten ladentheken.

sie verstarb, ohne nocheinmal ihren laden zu betreten, 
geschweige denn ordnung zu üben 
in ihrem leben in dem haus
auf der alb.

3 jahre stand es leer.
so wollte es niemand haben.
so
voller "müll "....

und die container kamen,
geordert von der jungen generation
die neuheit haben wollte.

alles flog raus...
taufkleider von 1900
briefmarken kartons, akribisch ausgeschnitten von jemals erhaltener post.....
eine komplette " stern" sammlung, seit 1949 und keine ausgabe fehlte bis 1999.....
mieder, mir original fischbeinen....
jutesäcke, an die 200 stück.....
sricke, fein aufgewickelt, 3 kartons voll, denn früher waren die pakete mit schnur verschnürt, eingeschlagen
in packpapier....

die generation wußte nicht wohin,
wohin mit einem gelebten leben ?

mir blutete das herz als ich zwischen
den häufen wanderte.....

einen teil hab ich mitgenommen, dinge die ich brauchen konnte,
denn auch ich im kleinen haus habe keinen platz für ein ganzes leben.
nur für bruchstücke, fragmente aus einem großen ganzen.

viele meter stoff haben den weg ins kleine haus gefunden...( hier sind nur ein paar zu sehen....!)
ein fundus an mustern ,farben,raritäten....





oft erst auf den 2.blick erkennbar....

 

dinge die es wohl so nicht mehr gibt.....
ich hätte noch viel mehr mitgenommen.....

in der schnäppchenjägergesellschaft breitet sich haben wollen ohne sinn und verstand schneller
aus als man atmen kann.....
auch ich bin davon nicht frei...



nie wieder werde ich vlieseline kaufen müssen....

einige stoffe sind schon verarbeitet worden, und viele werden noch folgen.
projekte werden entstehen
und werden weiterwandern
von der alb 
in die welt

 

die frau  wurde 88 jahre alt.

Kommentare:

  1. Das ist traurig ! Aber irgendwie auch rührend, dass Du Dir Gedanken gemacht hast und sie mit uns teilst. Denn durch die Veröffentlichung dieser Geschichte ist wenigstens ein kleiner Teil vom Leben der Frau Locher festgehalten worden und wenn Du aus ihren wundervollen Stoffen etwas schönes machst, dann erhälst Du auch ein wenig von ihr für die Nachwelt.
    Liebe Grüße
    Eve

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  2. Liebe Stellamaria ....mir blutet das Herz und habe Tränen in den Augen ....ein gelebtes Leben auf dem Müll .....das so traurig .....weil ich stell mir so diese Frau vor wie sie tagtäglich durch ihre Wohnung gewandert ist und kaum jemand wollte etwas bei ihr kaufen ....und ohne Kinder und Mann ...ohne Familie ....nähere .....ach man das echt so traurig! Schön das Du wenigstens etwas von ihren Schätzen vorm Müll retten konntest ...sie freut sich bestimmt drüber wo immer sie nun auch ist !
    lieben Gruss
    die
    Martina Paderkroete

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  3. da bekommt man Gänsehaut....
    meine Oma ist vor einem 3/4 Jahr gestorben. sie war gelernte Schneiderin. Sie gehörte auch zu denen die nichts wegschmeißen können. ich habe nach und nach ihre Sache übernommen. fast täglich nähe ich z.B. mit ihrem Garn...das ist schon ein komisches gefühl...aber ich weiß sie hätte sich darüber gefreut.
    LG von Christina, die garnicht weiß wie sie hier hin gestolpert ist...

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  4. Ohhh, da musst du dich wie ein Glückspilz im Handarbeitsparadies vorgekommen sein. Und mich diese Post http://dottieangel.blogspot.com/2010/02/miss-ethel-is-resting.html heute morgen angesprungen ist und so gut zu deinen Stöffchen passt, lasse ich dir den Link mal da.
    Liebe Grüsse, Allerleirauh

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  5. ach welch traurige Geschichte. Aber da hätte ich auch gerne mal gestöbert.
    LG
    Angelika

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  6. Das ist so ein typischer Fall von einerseits-anderereseits.
    Du hast nun ein halbes Haus voller Schätze, bist aber klarer Zeuge des textilen Niedergangs hier im Land. Ganz abgesehen vom persönlichen Verlust.

    Meine ledige Großtante starb Anfang der 70er im ländlichen Oberfranken und ich bin mit einem Keller voller Sachen aus deren Kurzwarenladen aufgewachsen. Konnte deshalb hemmungslos drauflosnähen, ohne Rücksicht auf die vielen Verluste :)
    Und bin so Textilerin geworden, mit Fleisch und Blut.

    Einerseits weine ich mit dir der Textilkultur auf der Alb und deren Hüterinnen nach, aber ich freu mich über solche wunderschönen Texte, die es sonst nicht gäbe.
    Viel Freude beim Verarbeiten!

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  7. liebe Stella,
    das ist eine traurige,
    aber auch eine schöne Geschichte.
    Sie stimmt mich ein wenig nachdenklich und
    regt mich an über einige Dinge nach zu denken.
    herzliche Grüße
    agnes

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  8. Mich macht das gar nicht so schlimm traurig weil es nicht unbedingt nach einem traurigen Leben klingt. Nur jetzt inzwischen aus der Zeit gefallen. Von dir ein bisschen aufgefangen. Und das ist doch schön!
    Liebe Grüße C.

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  9. Traurig und schön zugleich Deine Geschichte. Immerhin kannst Du den Sachen noch etwas Sinn und Leben einhauchen, das ist doch was sehr Schönes.
    Liebe Grüße!
    claudia

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  10. Es ist schön, dass durch diese Geschichte noch etwas bleibt. An den Stoffbildern kann man ein wenig den Fortgang der Zeit erkennen - Stoffe aus den 50ern, aus den 60ern, aus den 70ern, und neu ist nur die Vlieseline. Ich weiß nicht, ob das so ein glückliches Leben war - denn die ganzen gesammelten Dinge beschweren einen ja auch. Und wenn dann immer weniger und weniger Kunden kommen, wie fühlt man sich da? Andererseits geben sie auch die Sicherheit, immer für alle Fälle gerüstet zu sein. Und so eine Oberschwäbin zieht ja nicht einfach um.
    Auf jeden Fall eine fremde Welt, Danke dir für diesen Einblick!

    viele Grüße, Lucy

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  11. Liebe Stella,
    eine berührende GEschichte. Oft geht es so.
    Auch ich bin eine Schwäbin, wenn auch keine Oberschwäbin, durchaus auch mal am Ausmisten, aber auch sehr auf Qualität achtend. Deshalb finde ich es sehr schön, dass du einiges retten konntest. Der Gedanke, dass dieses traumhaft schöne Stickgarn sonst irgendwo im Müllheizwerk
    gelandet wäre,,, unvorstellbar.
    Ich wünsche dir viel Freude mit diesen alten Schätzen.
    Ingrid

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  12. Danke Stella!
    Liebe Grüße und einen schönen Tag wünscht Dir Heike

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  13. Mir blutet das Herz!

    Viel Freude mit deinen Schätzen, welch eine Verschwendung solche Sachen einfach in den Container zu werfen!

    Gruß Sabine

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  14. Was für ein bittersüsser, wunderschön geschriebener Post! Ich bin hin und weg...
    Du hast das Herz am rechten Fleck- und das Leben überlass seine Rostflecken, die abfärben und niemals mehr so richtig weggehen...
    Danke!
    bora

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  15. Oh das wäre was für mich gewesen - deiner Beschreibung nach scheint es mir das reinste Paradies gewesen zu sein. Wie schön, das noch brauchbares für dich da war. Ich bereue es zu tiefst, das ich bei der Wohnungsauflösung meiner einen Oma nicht dabei sein konnte und als dann hier im Haus der anderen Oma der Haushalt aufgelöst wurde ... naja - sie hatte es leider nicht mit Sauberkeit ... viele Sachen die wunderschön waren, hatten Mottenlöcher oder waren sonst irgendwie unrettbar dreckig oder kaputt. Manchmal zum heulen ... andererseits .. vielleicht ein Segen, denn der Sammleritis bin jetzt schon hoffnungslos verfallen. Dein Post kann einen schon richtig wehmütig machen.

    LG ninifee

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  16. Wie traurig...
    Wie schön....

    GlG Jane

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  17. das ist sehr traurig.
    aber so ist auch das leben. was wird aus unserm kram, den wir horten und hüten.....obs unseren kindern gefällt?? bestimmt nur ein paar kleinigkeiten und der rest wird dann auch *einfach* weggeworfen. so ist das. das leben.leider.

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